Julianes Heldenwelt



das Leben in Julianes Gedankenwelt.


- Geschichten written by Juliane -




Augenbrauentango

Mozart`s Geburtstag


















Augenbrauentango


 

„Warte ich komme gleich.“ tönt es durch die Gegensprechanlage der Haustür. Sie seufzt. Es ist kalt und feucht. Nebel hängt in der Luft und die im Sommer so lebensfrohe Straße wirkt grau und sterbend. 'Verdammt!!! Warum hab ich nur keinen Schal umgelegt? ' Verärgert zieht sie ihre sonst so entspannten Augenbrauen in Richtung Nase.  Von einem Bein auf`s andere hüpfend, blickt sie in den Hausflur, beziehungsweise, in das, was sie davon erspähen kann. Eine dicke, verschnörkelte Verglasung versperrt ihr die Sicht. Und dennoch braucht sie sich nicht anstrengen. Zu erkennen, dass es dunkel ist und niemand im Anmarsch ist, reicht es allemal. Sie plustert ihre Wangen auf und bläst den Atem durch ihren o-förmig geöffneten Mund. Das sind die Momente, in denen sie sich manchmal wie eine erfahrene Raucherin fühlt. Verschmitzt zieht sie eine Augenbraue hoch und vergisst, dass sie ja eigentlich verärgert ist und streckt dem Nebel ihr bestes Pokerface, das sie im Moment auf Lager hat, entgegen und stellt sich vor, wie es wäre, wenn sie Kringel pusten könnte. Prompt fällt ihr wieder ein, dass sie ja verärgert ist und flupps sind die Brauen wieder ein V. Kringel. Pffff. Wie denn, wo es doch nur ihr Atem ist, der die weiße Wolke vor ihr bildet und sie soweit weg vom Rauchen ist wie der Papst vom Sex? Also entscheidet sie sich, aus ihren Händen eine Höhle zu bauen, in der sie ihr Gesicht vergräbt um ihre Wangen wieder aufzublähen und sich selbst mit dem lauen Atem zu wärmen. Irgendwie ist es ja interessant: spitzt man den Mund und bläst den Atem mit Druck heraus, ist er kühlend. Bläht man die Wangen auf und öffnet den Mund zu einem großen „O“ wärmt er, der Atem.


Das Licht geht an. Ihre Brauen springen abrupt  in "A"-Form und sie hebt den Kopf leicht um im Hausflur etwas erkennen zu können. Langsam lässt sich eine kleine Gestalt erahnen. 'Endlich' denkt sie sich. 'Was ist das?' Noch eine kleine Gestalt und noch eine größere. 'Verdammt!'. Falsch gedacht. Die Tür springt auf und zwei quirlige Kinder laufen fast hüpfend heraus, gefolgt von ihrer Mutter. Sie blickt ihnen hinterher und sieht sie im Nebel verschwinden. „Die müssen doch ins Bett und haben gar nichts mehr draußen zu suchen!“ murmelt sie in ihren Jackenkragen leise hinein, in dem sie ihren Mund nun vergraben hat, wohl wissend, dass sie niemand hören kann.


Ach, da war doch was: wieder Augenbrauen-V-Zeit. Mehr "V" als der Abend bislang zu bieten hatte.Ohne nachzudenken streckt sie ihre Hand aus, um mit ihrem Zeigefinger, einen Moment länger als nötig, die Klingel abermals zu tätigen. „Nur ganz kurz, ich bin gleich da.“. Und wieder verstummt die Stimme am anderen Ende der Gegensprechanlage. „Jaja, das „ganz kurz“ kenn ich.“ Sagt sie erbost in die dafür vorgesehene Sprechvorrichtung. Aber ach, da hört sie längst keiner mehr.


'Es ist aber auch verflixt!' Letztens hat sie eine Kurzgeschichte gelesen. Von Charlotte Roos. „Gewartet“ hieß sie. 'Auf dich gewartet. […] und gewartet auf dich. Da ist niemand. […] ich habe gewartet. […] ich habe umsonst gewartet.'  hallt es in ihrem Kopf. Jetzt könnte man ein Lineal an ihren Augenbrauen anlegen. Ganz weit weg ist sie auf einmal. Ganz weit weg von dieser Welt. Ihr Blick geht ins Nichts. Ganz weit weg. Von dieser Welt.


Die Tür fliegt auf und sie wird von der Wucht mitgerissen. Taumelnd versucht sie sich mit ihren Armen rudernd wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Zu spät. Sie kann sich nur noch mit ihren Händen auffangen und landet unsanft auf den Knien. „Pass doch auf!“ sagt sie bestimmt in ihren Jackenkragen, in dem sie noch immer ihren Mund schützend vor der Kälte verborgen hat. Da ist es wieder: das V. „Oh Gott, das tut mir leid. Hast du dir weh getan? Was machst du denn hier im Dunkeln?“ Sie blickt ihn an. Vermutlich wäre sie an ihm vorbeigelaufen, wenn er dieselbe Straße wie sie entlanglaufen würde. Aber seine Stimme, sie wünscht sich kurz, dass er weiter sprechen würde. „Ich warte.“ Sagt sie. „Auf was denn?“ 'Ja, auf was eigentlich?' fragt sie sich. „Welches Buch liest du gerade?“ Er ist sichtlich irritiert von ihrer Frage. Flucks zieht er sein Kinn zurück und schenkt ihr auch ein Augenbrauen-V. Kein erbostes, eher ein verwundertes. „Porno.“ sagt er, bevor er den Inhalt seiner Antwort selbst erfasst hat. Auch im Dunkeln kann sie sehen, dass er errötet ist. „von Irvine Welsh“ schiebt er hinterher. Sie muss lachen. „Darf ich dich als Entschädigung auf einen Kaffee in den Pub um die Ecke einladen?“ Würden seine Wangen nicht so glühen, würde es fast ein wenig platt wirken. Doch so hat es sogar ein bisschen Stil. Sie schaut durch die dicken verschnörkelten Glasscheiben der Haustür und kann nur schwarz erkennen. „Wieso eigentlich nicht?“ so inhaltslos die bloßen Worte dieser Frage scheinen, so sicher drehen sich beide in dieselbe Richtung, um in Richtung Pub loszugehen. Schweigend laufen sie nebeneinander. Er kickt eine Kastanie vor sich her, während sie ein noch seltenes grünes Blatt an einem Baum findet, das sie mit ihrer Hand noch erreichen kann, um es abzureißen und danach im Gehen in ihrer Hand zu zerpflücken. Er ergreift vor ihr den Griff der Tür des Pubs, um sie ihr aufzuhalten. Ein warmer Luftzug kommt von innen und Licht fällt in ihre Gesichter. Zum ersten Mal sehen sie sich richtig an. „Darauf, dass ich endlich aufhören kann...“

 

„…- zu warten. -“   


                                                                                                                                                                                    © Juliane H.                                                                   

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Mozart`s Geburtstag


 

„Johann, der Wagen bricht!“ Ich fahre mit dem Wagen vor, wie mein Blick sie einfängt. „Nein, Charlotte, der Wagen nicht, es ist ein Band von meinem Herzen.“


Sie ist so zart.


Wir laufen die Straße entlang. Der wenige Schnee, der fällt, glitzert unter den Laternen, die uns den Weg leuchten. Verstohlen ruhen meine Augen von der Seite auf ihr, jede einzelne Regung zu erfassen. Auf dem Weg in die Toskana vergessen wir die Zeit. Ein altes Mütterchen steht am Straßenrand, die Idylle der aufeinandertreffenden Unschuld abzurunden. Sie weist uns den Weg unter die vier Linden, „La Dolce Vita“ – das süße Leben zu genießen.


Kratzend und beißend krallt sie sich in mir fest, bis sich rote Striemen auf meiner Haut bilden. Ich sehe sie an, während ich meine Hand auf ihr ruhen lasse, wohl wissend, ich kann sie endlich spüren, wir sind eins. Ein letzter schneller Biss und sie springt auf, mit der längst getöteten Maus in der hinteren Ecke zu spielen.


Mit meinem geistigen Auge beobachte ich sie und kann fühlen, wie ihr Blick auf mir verweilt, wie ich ihr für einen Augenblick den Rücken zuwende, mir Saft nachzuschenken. Hand in Hand schreiten wir durch die karge Behausung unseres fernen Freundes. Die Decken sind niedrig, die Wände leer, seine Organe zermatscht. Ich spüre die Hand, die sich um mein Herz legt. Schweigend blicken wir den Gang in unseren Gemäuern hinunter, der jeden einzelnen Raum verbindet. Sie sucht nach meiner Hand, die mich dankend findet, nicht allein diese aufkeimende Ausweglosigkeit einer Twighlightzone-Episode überstehen zu müssen. Fast niemand vermag uns aus unserer Umarmung zu lösen, als wir uns im Innenhof wieder finden. Pflastersteine und klassisches Grün lassen uns in unserer andauernden Umarmung vergessen, dass wir von großen grauen Mauern von allen Seiten umschlossen sind, hinter denen die eben entflohene Twighlightzone-Episode endlos weiterspielt. Ein kleines Mädchen irrt mit ihrem Bruder verwirrt in unserem Hof umher, fast panisch und doch freundlich sucht sie unsere Augen. „Weißt Du, wie wir hier wieder rauskommen?“ – Ich lächel sie an und halte ihre Hand, aus der sie sich löst. Schützend wendet sie sich dem fragendem Mädchen und ihrem Bruder zu und zeigt ihnen wissend den Weg -raus-.


Ich lächel noch immer, trau mich nicht, sie auch nur einen Moment aus den Augen zu lassen. Wieder finden sich unsere Hände, ganz fest. Einen Augenblick werde ich abgelenkt und schaue weg von ihr. Wir verlassen den Hof gemeinsam und blicken zurück in die Vergangenheit. „Johann, der Wagen bricht!“ „Nein, Charlotte, der Wagen nicht, es ist das Blümchen meines Herzens. Ich wollt' es brechen, Da sagt' es fein: "Soll ich zum Welken gebrochen sein?".


Ich fahre mit dem Wagen davon.

 

In Gedanken meinen Blick auf sie gerichtet, wohl wissend, Harmonie in nahender Perfektion erlebt zu haben, doch der nach ihr schreienden Theatralik und dem Ruf nach dem Außergewöhnlichen sichtbar für`s bloße Auge der Masse nie stand halten zu können, nehme ich eine Feder zur Hand. „Lust festigt Bindungen, Frustration schwächt sie.“ Hoch lebe Francesco Alberoni. Ich tauche die Feder in Tinte und beginne zu schreiben…

 

“Die Leiden der jungen Caulfield…“



                                                                                                                                                                                    © Juliane H.

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